Das ökumenische Kirchenasyl
in Tübingen

 

 
  Aus der Geschichte einer kurdischen Frau,
die im Juni 1999 Kirchengemeinden in Tübingen um Schutz bat

»Ich bin in einem kurdischen Dorf im Osten der Türkei aufgewachsen. Ein Jahr lang konnte ich dort die Grundschule besuchen. Dann wurde die Schule aus politischen Gründen geschlossen.

Seit ich 8 Jahre alt war, hat man mich gezwungen. für die PKK zu waschen und zu kochen. Im Dorf meines Mannes. wo ich dann nach meiner Heirat gelebt habe, ging es damit weiter. Dort war es sogar noch schlimmer, weil mehrere kurdische Organisationen gleichzeitig meine Dienste verlangt haben.

Die Angst hat zum Alltag gehört. Immer wieder hat das türkische Militär die Dorfbevölkerung auf dem Dorfplatz zusammengetrieben, in eine Reihe gestellt, beschimpft, mit Stiefeln getreten und geschlagen, Männer, Frauen und Kinder. Ich bin so oft auf diese Art misshandelt worden, dass ich mich nicht daran erinnern kann. wie oft es geschah.

Etwa zehnmal haben sie mich mitgenommen auf die Station. Dort haben sie die Frauen von den Männern getrennt und misshandelt. Es gibt dort einen großen Raum, der durch Eisengitter in eine Art Käfige unterteilt ist, so dass wir uns sehen konnten. Jede von uns wurde in einen dieser Käfige gesperrt. Es gab dort keine Toilette und stank bestialisch. Man hat uns verhöhnt und beschimpft. Manchmal kamen sie herein in den Käfig und stießen uns mit Eisenstangen.

In einem anderen Raum wurden wir gezwungen, uns nackt auszuziehen und durch die Reihen der Soldaten zu bewegen.
Ich kann nicht vergessen, was sie mir angetan haben. Manchmal fühle ich mich auf diese Station zurückversetzt. Dann habe ich keine Kontrolle über mich und fühle mich schwindljg. Mehrmals bin ich schon ohnmächtig geworden. Oft kann ich Geräusche oder Berührung durch meine Kinder nicht ertragen und schlage sie. Oft fühle ich mich schlecht und verabscheue mich.

Ich bin 1995 nach Deutschland geflohen. Bis jetzt konnte ich meine Geschichte vor den Männern beim Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge und bei den Gerichten nicht erzählen. Erst jetzt, wo ich zu ein paar deutschen Frauen Vertrauen gefaßt habe, habe ich angefangen, darüber zu reden.
Ich habe solche Angst, dass sie mich aus Deutschland abschieben. Der Rechtsanwalt versucht jetzt, meine Geschichte doch noch vor dem Gericht geltend zu machen. Aber sie haben schon viele Kurdinnen mit ähnlichen Geschichten abgeschoben.

Wenn ich Asyl bekommen könnte in Deutschland – vielleicht könnte ich dann anfangen durchzuatmen. Einmal wieder einen Tag ohne Angst leben zu können, dass bald wieder etwas Schlimmes passiert – das muss himmlisch sein.«

Ecce homo

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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