Das ökumenische Kirchenasyl
in Tübingen

 
 

Zur Verfolgungsgeschichte von Herrn und Frau Kara

Familie Kara lebte bis zu ihrer Flucht nach Deutschland im Jahr 1992 in dem alevitischen Dorf Ambal (nahe Elbistan/Osttürkei). Seit dem Jahr 1988 spitzte sich die Situation zwischen der alevitischen Einwohnerschaft des Dorfes und den türkischen Sicherheitskräften zu. Herr und Frau Kara gerieten in den Verdacht der PKK-Zugehörigkeit, weil die PKK im Dorf aktiv war und Verwandte der Familie zur Guerilla gehörten. Bruder, Vater und Cousin sind spurlos verschwunden. Um Informationen zu erpressen wurde Herr Kara mehrfach von der Polizei verschleppt, verhört und schwer gefoltert, erstmals 45 Tage lang im Jahr 1989; im Juni 1991 dann für drei Monate.

Aus Gründen der Persönlichkeitsschutzes verzichten wir an dieser Stelle auf eine persönlich bezogene Schilderung, was "schwere Folter" in dieser Situation bedeutet hat. Ein entsprechender Folterbericht hört sich so an: "Vor der Folterkammer wurde mir die Augenbinde abgenommen. Ich wurde auf die Aufschrift hingewiesen "Hier gibt es keinen Gott!" Zuerst wurde ich schwer geschlagen und getreten. Dann musste ich stundenlang in kaltem, stinkendem Wasser stehen. Mehrfach wurde ich an Händen und Füßen gefesselt und aufgehängt. Besonders schlimm war die Elektrofolter, die mir an Fingerspitzen, Zehen und Genitalen zugefügt wurde..
Als ich nach Monaten entlassen wurde, fühlte ich mich wie tot. Mehrfach dachte ich daran, mir das Leben zu nehmen..."

Frau Kara wurde während der Abwesenheit ihres Mannes 1989 von Polizisten aufgesucht. Sie fragten nach ihrem Mann und behaupteten, er bringe der Guerilla Essen. Vor den Augen ihrer Kinder (damals 3, 5 und 7 Jahre alt) wurde sie geschlagen. Als die Kinder sich an sie klammerten, warfen die Polizisten sie in eine Ecke. Sie nahmen Frau Kara bis zum nächsten Tag auf eine Polizeistation mit. 1991 wurde sie noch einmal zwei Nächte lang auf eine Militärstation mitgenommen.

Auch hier wissen wir aus Berichten anderer kurdischer Frauen, was das bedeutet: "Es gab einen großen Raum, der durch Eisengitter in eine Art Käfige unterteilt war, so dass die Gefangenen einander sehen konnten. Jede von uns war in einem dieser Käfige eingesperrt worden. Es gab keine Toilette. Man hat uns verhöhnt, wir könnten ja im eigenen Dreck schlafen. Noch von den vorherigen Gefangenen her war es unbeschreiblich schmutzig und es stank bestialisch. Mit einem Schutz über Mund und Nase haben die Militärs diesen Raum betreten und haben mit Eisenstangen nach uns gestoßen. Dabei riefen sie: "..umdrehen und in den Arsch stoßen!" Mehrmals wurden wir in einem anderen Raum, jeweils zusammen mit anderen jungen Frauen, von den Sicherheitskräften gezwungen, uns nackt auszuziehen und uns durch die Reihe der Soldaten zu bewegen. Dabei haben sich die Männer an uns aufgegeilt und haben uns verhöhnt und erniedrigt."
Mit der sexuellen Schändung und Misshandlung ihrer Frauen wird die kurdische Gesellschaft gezielt in ihrer Ehre getroffen..


Mit der Hoffnung, dass nun ihre Menschenwürde gewahrt wird, gelang Familie Kara 1992 die Flucht nach Deutschland. Türkische Behörden haben sich seither bei Verwandten in ihrer Heimatregion mehrfach nach ihrem Verbleib erkundigt.
Die Familie lebte zunächst in einem Asylbewerberheim im Kreis Schorndorf. 1995 wurde ihr Sohn Müslüm geboren. Da Frau Kara in der großen Sammelunterkunft dauerhaft unter unerträglichen Kopfschmerzen litt, wurde die Familie vor drei Jahren umgesiedelt in ein Haus mit drei Familien im Kreis Backnang.

Der Helferkreis hofft, dass die Familie es trotz der schweren psychischen Verletzungen schaffen könnte, in Deutschland Fuß zu fassen. Frau Kara ist in psychotherapeutischer Behandlung, Herr Kara hat Arbeit gerfunden, die älteste Tochter plant ihre Hochzeit. Erst wenn dies zunichte gemacht würde, träfe das zu, was Herr Kara neulich im Interview mit dem Psychologen des Deutschen Instituts für Psychotraumatologie Köln äußerte: "Wir sind verloren gegangen."

(verfasst von Dr. Susanne Edel, März 2002)

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